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Jerusalem, für mehr als einen Tag
20.11.2014 03:26

Jerusalem, für mehr als einen Tag

Wenn man, wie ich, sechs Wochen im Land ist, wird einem Tel Aviv zwar nicht langweilig, aber man kann ja doch noch mal was anderes sehen und erleben. Da ich 2013 ja auch schon in Jerusalem war, es mir gefiel und ich mehr sehen wollte, nutzte ich also meine Chance. Bei Expedia gleich mal nach geeigneten Zimmer gesucht, und durch meinen Aufenthalt am toten Meer und dem dazugehörigen Luxus, wollte ich es etwas ruhiger angehen lassen. Ich wollte aber auch ein klein wenig exklusivität haben, also nicht nur Hotel in der Stadt und fertig. Und so fand ich ein kleines Hostel, direkt in der Altstadt von Jerusalem, New Petra Hostel, direkt am Jaffa Gate. Zack, gebucht.

Am Tag meiner Fahrt nach Jerusalem, da saß ich morgens beim Frühstück und schrieb mich mit nem Kumpel, sagte ihm wohin mich meine Reise führt und er fragte nur so: "Du willst wohl etwas Action haben?". Hää? Keine Ahnung worauf er hinaus wollte, habs ignoriert und bin dann los. Die Central Bus Station ist nur ein kleiner Fußweg, oder mit dem Bus vielleicht 4-6 Stationen entfernt. Hin zum Gate, beim Fahrer das Ticket gekauft und in der ersten Reihe Platz genommen. Das freie Wifi genutzt und dann erst mitbekommen, realisiert, was der Kumpel vorhin meinte. Es hatte ein Attentat in Jerusalem gegeben. Mal wieder. Schrecklich sowieso. Vielleicht sogar schon Alltag? Dennoch bin ich nach Jerusalem gefahren. Ob ich Angst hatte? Sicher, wie so jedeR im Leben, aber nicht vor einem Attentat. Damit ist das Thema auch so gut wie durch.

Im letzten Jahr bin ich mit dem Zug gefahren, fand es toll, aber etwas umständlich, vor allem, da ich durch die heutige Erfahrung sagen kann, daß eine Busfahrt einem von Downtown to Downtown bringt. Und Du kommst halt wirklich Zentral an.

Dann mit der Straßenbahn, ich kannte es ja schon, zur City Hall und dann ein kurzer Weg zum Jaffa Gate. Und dort dann gleich das Hostel gefunden. Unten ist eine Wechselstube, dann eine steile Treppe hoch und schon ist man da. Ich sags immer wieder, da fühlste Dich wie Life of Brian. Check in, Zimmer bezogen. Doppelstockbetten, ich mich unten platziert. Und dann der Blick aus dem Fenster, vom Balkon:

  

Es ist natürlich sehr spartanisch, aber deswegen ja nicht schlecht.

Und es gibt eine Kaffee- & Teeestation rund um die Uhr und kostenfreies Wifi in top Qualität. Einen Ruhebereich und eine Dachterrasse mit einem grandiosen Ausblick:

  

 

 

 

 

 

 

 

 

Mal ehrlich, wen also juckt es, daß es kein Sternehotel ist? Ich habe zu DDR Zeiten schon auf Bahnhöfen geschlafen, wo man Nachts geweckt wurde, damit dort sauber gemacht werden kann. Was aber gut war, weil man dann am Automaten Kaffee oder Kakao kaufen konnte. Etwas, was ich bis dahin (1986) so auch noch nicht kannte. Dann wieder in die Bahnhofshalle und noch etwas weiterschlafen. Da habe ich es hier doch recht gut getroffen. Eben mit toller Aussicht und mitten in der Altstadt. Passt.

Erst mal einen kleinen Schlenker durchs Viertel gemacht, dann aber erst mal auf den Markt. Kurzer Weg zum Mahane Yehuda Market. Und mal vom üblichen tollen Angebot, und keine Ahnung wie viele Sorten Humus und so weiter, gab es ganz am Ende, hin zur Straße, eine kleine open air Kneipe. Lecker Bierchen am Tisch und das Treiben aufm Markt zugesehen. Mal von etwas mehr und auffälliger Polizeipräsenz abgesehen, die Leute gingen "entspannt" mit dem Attentat um und ihrem Lebensalltag nach. Business as usual.

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lustig war, ich saß so rum, trank mein Bierchen, da war ein Orthodoxer mit seiner Teenagertocher am Reden war, sie wohl etwas zickig, und er dann plötzlich "ja, dann geh doch zu Fuß" zu ihr sagte, ich es auch so verstanden habe, weil laut und deutlich gesprochen wurde, und ich in lautes Lachen ausgebrochen bin. Beide schauten zu mir herüber, da mußte der Vater auch plötzlich lachen.

Erziehung, so wichtig.

Ich weiter über den Markt. Humus, Oliven, Feigen, sauer eingelegtes Gemüse und frisch gebackenes Brot gekauft. So sah dann auch mein Abendessen im Hostel aus. Und wie ich so beim Essen sitze, lauter Tumult vorm Fenster auf der Straße. Eine große Gruppe Jugendlicher, alle mit der Fahne Israels ausgestattet, laut singend und tanzend durch die engen Gassen gegangen. Dass musste ich sehen. Also alles stehen und liegen gelassen und hinterher. Musst Du Dir vorstellen, die Gassen nicht mehr so belebt, weil die Geschäfte geschlossen haben, ein paar Leute die nur noch heim wollen, dann enge Gassen und bescheidenes Licht, und die Gruppe macht Radau (schönes, viel zu wenig verwendetes, Wort). Und das Ziel war der Western Wall, uns bekannt als Klagemauer. Dort tanzten und sangen sie. Ob es jetzt etwas mit dem Attentat am Vormittag zu tun hatte, ob es einen anderen Grund hatte, ich weiß es nicht, habe auch nicht nachgefragt. Auf jeden Fall waren auch recht viel Soldaten vor Ort um wohl ggf. eine Eskalation zu vermeiden. Nach knapp 30min löste sich alles in wohlgefallen auf. Ich bin zurück ins Hostel. Vertilgte noch den Rest meiner Speisen und ging dann noch mal raus um ein zwei Bier zu trinken.

   

Nächsten Morgen aufgewacht, keine Kopfschmerzen, duschen gewesen und das Frühstück auf der Dachterrasse eingenommen. Okay, es gab Kaffee, Fladenbrot und etwas Humus und wohl auch Marmelade. Mich machte es satt und ich brauchte ja nur ein Grundlage für den Tag. Unterwegs wird sich ja genügend zu Essen finden lassen. Daher auch hier, alles okay. Und gerechnet auf Preis und Leistung, alles top. Es ist ähnlich mit einer Unterkunft aufm Montmartre. Da kann die Unterkunft eher nicht so dolle sein, Du zahlst halt für die Lage. Und dies entschädigt dann auch wieder. Wobei ich hier sagen muß, dass es tatsächlich gut war.

Wie dem auch sei, keine Zeit zu verschenken, mein Ziel war heute Yad Vashem. Mit der Straßenbahn bis zur Endhaltestelle gefahren, diesmal sogar, weil er gerade da stand, den Shuttlebus genommen und wieder einen Audioguide genommen und ein paar Stunden in der Gedenkstätte verbracht. Wie auch schon im letzten Jahr (2013) und ein paar Jahre später die Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz. Man kann gar nicht oft genug daran erinnern, erinnert werden. Kein VergebenKein Vergessen!

  

am Laternenpfahl in Jerusalem gefunden.

Und ja, ich war danach wieder platt. Vielleicht nicht körperlich, eher mental. Und es brauchte seine Zeit um runter zu kommen. Ein etwas längerer Spaziergang durch Jerusalem, wieder über Markt, hin zum Hostel. Kleine Pause, Kaffee trinken und dann später Abendessen und wieder raus in die City. Bierchen hier, etwas zum Schnabulieren da. Und wieder zurück ins Hostel. Das Wifi nutzen und entdecken, daß es auch kostenfreie Touren durch die Altstadt gibt. So dann eingeschlafen mit einem Ziel im Hinterkopf.

Aufstehen, duschen, Frühstücken. Dann aus dem Hostel raus und dort startet auch gleich die Jaffa Gate Free Tour. Und was soll ich sagen? Klar, ich kannte schon die Altstadt von Jerusalem, die einzelnen Viertel und ein paar Highlights. Doch der Guide der Free Tour, der war der Hammer. Er schaffte es, und unsere Gruppe war gemischt im Alter und den Nationalitäten, alle gleichwohl zu fesseln und mit kleinen Scherzen aufzuheitern. Hier in Hamburg würde man sagen, daß da viel Seemannsgarn gesponnen wurde, aber er brachte es so toll rüber, echt Klasse.

Und so sind wir durch die verschiedenen Viertel der Altstadt gelaufen. Überall gab es Erklärungen. Auch hatte der Guide Karten dabei und Tabellen der Zeiten, wo wann was passierte. Eine kleine ältere Amerikanerin, welche wohl früher aus Deutschland auswandern mußte, war nicht ganz so gut bei Fuß, so daß sie sich bei mir einhakte und wir plaudernd der Gruppe folgten. Bei einem Käffchen machten wir eine kleine Pause und dann ging es auch weiter. Ich habe jetzt nicht auf die Uhr geschaut, aber es waren bestimmt 3 Stunden, die wir auf der Tour verbrachten. Kann aber auch etwas länger gewesen sein. Auf jeden Fall war es echt top und ich kann es nur empfehlen. Natürlich hat er sich sein Trinkgeld reichlich verdient und man schaut nicht aufs Geld sondern gibt da auch echt gerne.

 

  

 

 

 

 

 

 

 

Mal hier lang, mal da lang. Er hatte echt Spaß uns so viel wie möglich zu zeigen. Klasse Typ.

Natürlich gibt es auch T-Shirt-Läden:

Wie eine Piazza angelegt:

Und weiter gehts.

Ich bin dann erst mal ins Hostel, kurz hingelegt, kleines Nickerchen. Dann zum Abendessen in Mike's Place, welches ich auch schon aus Tel Aviv kannte. Essen, Trinken, Sport schauen. Läuft. Nachts dann nach Hause, ins Bett gefallen und tief und lange geschlafen. Naja, eher tief als lange.

Nächster morgen, wie üblich, und dann habe ich schon mal meine Sachen zusammengepackt und bin hoch hier und da längs gelaufen um dann gegen 18 Uhr wieder an der Zentralen Busstation anzukommen. 1:15 h gefahren und kurzer Fußweg nach Hause. Und mehr war es dann auch nicht.

Herr Jens

Souk Hativka & HaCarmel
Hapoel vs. Beer Sheva

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